Exkursion ins facettenreiche Wein-Serbien
- vor 5 Tagen
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Susanne Raschke

Serbien, das kleine Land zwischen dem Balkangebirge bei Dimitrovgrad und der Donau bei Bezdan, ist mit seinen 72000 Hektar Rebfläche in puncto Weintourismus fast noch ein Geheimtipp. Historisch gesehen geht der Weinbau auf die Thraker und Griechen zurück. 65 Prozent der serbischen Weinberge sind mit weissen Trauben bepflanzt, von denen die häufigste Sorte die autochthone Rebsorte Smederevka ist. Sie wurde nach der Stadt Smederevo benannt und wird überall in der Balkanregion angebaut. Im Nachbarland Bulgarien ist sie unter dem Namen Dimyat bekannt. Die bereits im Jahr 1855 urkundlich erwähnte Smederevka ist eine spät ausreifende Rebsorte mit dünnschaligen Beeren, die eine hohe Zuckerkonzentration erreichen. Aus ihr werden Weine mit frischer Fruchtigkeit und Aromen von Zitrus- und Apfelnoten gewonnen.
«Roter König»
Seit 2010 hat sich die bekannte Rebzucht-Professorin Slavica Todi ́c einer weiteren lokalen Rebsorte – dem Prokupac – verschrieben. Laut Todi ́c ist der Prokupac eine der ältesten Rebsorten Europas und stammt vermutlich aus Mesopotamien, dem heutigen Georgien oder dem Iran. Auf dem Weingut Vino Budimir in Aleksandrovac Zupa findet man noch über hundertjährige Rebstöcke dieser Sorte. Sie werden in der für den Mittelmeerraum typischen Erziehungsform als Buschreben (serbisch: «župski kondir») kultiviert und bringen einen Ertrag von nur 300 bis maximal 1000 Gramm pro Rebstock. Der Prokupac gilt als der «rote König» unter den Rebsorten Serbiens und wird am Prokupac-Tag, dem 14. Oktober, gebührend gefeiert. Nicht umsonst erinnert die Probus-Säule im deutschen Bad Godesberg an den römischen Kaiser Marcus Aurelius Probus, der in Europa für das Aufblühen des Weinbaus verantwortlich war und diesen in Serbien wieder einführte.
Heute verfügt Serbien über neun Weinregionen und 77 Unterregionen, die sich über das gesamte Land er- strecken. Die Geschichte des Weinbaus in der Region Šumadija (Zentralserbien) ist eng mit der serbischen Königsfamilie der Karadjordjevic verbunden. Sauvignon Blanc und andere internationale Rebsorten wurden von König Aleksandar I. Karadjordjevic nach Serbien gebracht. Im Jahr 1923 begann er damit, internationale Rebsorten im königlichen Weingut in Oplenac anzupflanzen.
Weingut Matijaševi ́c
Das Weingut Matijaševi ́c mit seinen 15 Hektar Weinbergen in Orašac, Koplijari und Banja befindet sich im Herzen dieser Region. Neben internationalen Rebsorten wie Sauvignon Blanc, Pinot Blanc, Merlot und Malbec werden hier die einheimischen Sorten Smederevka und Prokupac kultiviert. Verkostet wurde der reinsortige Sauvignon Blanc «SoviNoa», der in Eichenfässern ausgebaut wird. In der Nase zeigen sich Aromen von reifen Pfirsichen und Grapefruit sowie Kräuternoten. Am Gaumen präsentiert er sich betont fruchtig mit Aromen von Passionsfrucht, Ananas und mineralischen Noten. Ebenfalls sehr zu empfehlen ist der Gin, der ausschliesslich aus Kräutern aus Serbien destil- liert wird.
Subotica: Weingut Zvonka Bogdana
Subotica ist eine Weinregion im äussersten Norden Serbiens entlang der Grenze zu Ungarn. Archäologische Forschungen und historische Aufzeichnungen haben ergeben, dass hier seit mehr als 2000 Jahren Weinbau betrieben wird. Aufgrund des sandigen Bodens und des kühlen Kontinentalklimas bestechen die Weine dieser Region durch ihre Eleganz und Aromatik. Besonders gut gedeihen die Rebsorten Kadarka, Merlot, Frankovka (Blaufränkisch), Pinot Blanc und Sauvignon Blanc.
Das nach dem gleichnamigen serbischen Volksmusiker Zvonka Bogdana der Ethnie der Bunjewatzen benannte Weingut Zvonka Bogdana ist mit seinen 62 Hektar eines der renommiertesten Weingüter der Region. In der Nähe des Ufers des Pali ́c-Sees, dem grössten natürlichen See Serbiens, steht, umgeben von Weinreben, das an ein Château erinnernde Haupthaus mit dem farbenfrohen Dach. Es wurde im pannonischen Jugendstil erbaut. Im prächtigen Barriquekeller, der mit Kronleuchtern aus rotem Muranoglas geschmückt ist, können Besucher die Weine in diesem einzigartigen Ambiente verkosten.
In diesem charakteristischen Terroir werden die Rebsorten Merlot, Cabernet Franc, Frankovka, Petit Verdot, Sauvignon Blanc, Chardonnay, Pinot Grigio und Gelber Muskateller kultiviert. Unter der Leitung des Önologen Srd-an Lukaji ́c wird Wein als Kunstform praktiziert und gelebt. Die Weinflaschen zieren Etiketten mit exklusiv für dieses Weingut entworfenen Kunstwerken des Künstlers Eugen Kocˇiš.
Mit einer Jahresproduktion von rund 400 000 Flaschen (13 Etiketten), die ausschliesslich aus eigenen Weinbergen stammen, hat sich das Weingut durch seinen Qualitätsanspruch international einen Namen gemacht. Besonders hervorzuheben ist der Cuvée Nr. 1, ein Bordeaux-Blend aus 70 Prozent Merlot, 15 Prozent Cabernet Franc und 15 Prozent Cabernet Sauvignon. Er ist einer der wenigen Weine weltweit, der drei auf- einanderfolgende Goldmedaillen beim renommierten «Decanter World Wine Award» erhalten hat.
Weingut Vinarija Janko
Belgrad, die Hauptstadt Serbiens, verfügt über Weinberge am Stadtrand. Das Weinanbaugebiet erstreckt sich entlang der Donau bis zur Stadt Smederevo. Neben den internationalen Rebsorten Cabernet Sau- vignon, Merlot, Chardonnay und Sauvignon Blanc werden in dieser Region die einheimischen Sorten Smederevka und Prokupac angebaut. Das im Jahr 2006 gegründete Weingut Vinarija Janko verfügt über 14 Hektar und verwendet serbische Eichenfässer aus der Region Majdanpek. Ein Zeugnis für die exzellente Qualität der Weine des Weinguts ist der reinsortige Merlot «Testament». Es handelt sich um einen komplexen, tiefgründigen Merlot mit Nuancen von Brombeeren und Johannisbeeren, gepaart mit einer sanften Aromatik von Pflaumen, würzigem Tabak und Schwarztee.
Weingüter der serbischen Schatztruhe
In der Region Negotinska Krajina sind die Weingüter Matalj, Vinarija Ivanovi ́c und Vinarija Traško beheimatet – eine echte Schatztruhe serbischer Weine. Die Weine von Vinarija Ivanovi ́c werden seit dem 16. Jahrhundert auf dem Hügel Bukovsko nahe der Stadt Negotin kultiviert. Der Tamjanika Barrique Nr. 3/4 ist der erste Tamjanika, der im Barriquefass ausgebaut wurde. Diese Muskateller-Variante zeichnet sich durch die Balance der aromatischen Tamjanika-Traube mit einem üppigen Geschmack und angenehm würzigen Noten des Eichenholzbarriques aus.
Weingut Mladenovi ́c-Matalj
Die Weinberge des Familienweinguts Mladenovi ́c- Matalj befinden sich in zwei Parzellen: eine direkt oberhalb der Donau im Dorf Mihajlovac und die andere, Feuerstein genannt, im Dorf Tamnicˇ. Eine Spezialität des Weinguts ist der Bukovski Cuvée, eine Assemblage aus den autochthonen Rebsorten Prokupac und Zacˇinka, die 18 Monate in serbischen Eichenfässern reift. In der Nase präsentiert sich dieser vielschichtige Rotwein mit Nuancen von vegetabilen Noten, Veilchen, Eukalyptus und einem Hauch von Weihrauch. Am Gaumen zeigt er sich mit dunklen Beeren, Zartbitterschokolade und ausgewogenen Tanninen.
Weingut Vinarija Traško.
In direkter Nachbarschaft befindet sich das Weingut Vinarija Traško. Aus der fast in Vergessenheit geratenen autochthonen Rebsorte Bagrina wird ein Weisswein gekeltert, der zuerst in Edelstahltanks vergoren und anschliessend in serbischen Eichenfässern bis zu sechs Monate lang reift. Der Bagrina Edición Limitada duftet nach Aprikosen und Akazienblüten, er ist frisch und fruchtig im Charakter. Die Besonderheit dieser Sorte spiegelt sich in ihrem Namen wider. Er leitet sich vom altgriechischen Wort «bagriti» – erröten – ab und ist von den rötlichen Tönen der reifen Beeren inspiriert.
Dorf aus 270 Weinkellern
Nur 20 Kilometer von Negotin entfernt liegt das verschlafene Dorf Rajac. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die spektakuläre Landschaft wird von den berühmten Rajacˇke Pimnice, den Weinkellereien von Rajac, geprägt. Die aus Stein und Holz gebauten Keller stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und spiegeln die traditionelle Architektur des Balkans wider. Die aus rund 270 Kellern bestehende Anlage diente früher der Lagerung und Reifung von Wein und zeugt von der langjährigen Weinbautradition der Region. Die Keller sind wie ein Dorf angeordnet und bilden eine einzigartige Kulturlandschaft.
In Serbien gibt es die Redewendung: «Wein ist wie ein flüssiger Kuss. Wein ist flüssige Liebe.» (Vino je kao tecˇan poljubac. Vino je tecˇna ljubav.) Wie die Weine selbst und ihre Winzer, so steht auch jede Weinregion für einen eigenen Stil, ein unverwechselbares Terroir und einheimische Rebsorten – wahre Kostbarkeiten. Das Weinland Serbien steht für Regionalität, Tradition und Innovation gleichermassen. Es lohnt sich, diese vielseitige Region im Auge zu behalten. Nazdravlje!

Artikel aus dem Hotelière 05/25
Seit vielen Jahren ist «Hotelier» das offizielle Verbandsorgan des Schweizer Sommelierverbandes ASSP-SVS.
